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  • Christiane Beyer

Vampwolf die Vergessene

Aktualisiert: 5. Mai 2021

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Leseprobe


1

Der Kampf

Im Mondschatten einer hundertjährigen Eiche verschmolz er mit der Dunkelheit. Er wartete, er wusste, dass sie hier vorbeikommen würde. Seine Sinne konnten ihre Aura spüren, sie hatte Angst. Immer hatte sie Angst, wenn sie nachts durch den Park lief, aber heute war es anders, größer, stärker. Seine Augen scannten durch die Nacht, er war noch nicht bereit in Erscheinung zu treten, den schützenden Schatten der Eiche zu verlassen.

Pat eilte schnellen Schrittes durch den nächtlichen Park. Es war eine sternenklare Nacht und der volle Mond stand über der alten Eiche und erhellte den Park. Es war Juli und ein lauer Wind hüllte sie ein. Es war ihr nicht geheuer allein durch den Park zu gehen, aber es war der kürzeste Weg nach Hause. Noch nie hatte sie gehört, dass jemandem in diesem Park etwas zu gestoßen war und sie ging den Weg schon seit sechs Jahren.

Sechs Jahre war es jetzt her, als sie hierherzog, um zu vergessen und die schrecklichen Ereignisse hinter sich zu lassen. Sie hatte ihr Leben neu geordnet und arbeitete abends bis spät in die Nacht hinein in einer Bar. In der Nacht zu arbeiten machte ihr nichts aus, im Gegenteil. Seit sie tagsüber schlief, hatte sie weniger Alpträume. Waren es überhaupt Alpträume? Sie fühlten sich so erschreckend real an, als würde es wirklich geschehen. Diese Träume hatte sie auch schon als Kind. Ihre Mutter Theresa sagte im warnenden Tonfall, sie solle ihre Träume niemanden erzählen. Sie sei etwas Besonderes und wenn sie alt genug wäre, würde sie es ihr erklären.

Zum Erklären ist es aber nie gekommen.

Drei Tage vor ihrem achtzehnten Geburtstag starb ihre Mutter. Sie wollten ein paar Tage in einer kleinen Hütte im Talsteingebirge Urlaub machen und ihren Geburtstag feiern. Es sollte ihr großer Tag werden, wo sie auf all ihre Fragen Antworten erhalten würde. Nach ihrer Ankunft und einer reichhaltigen Mahlzeit wollte sich ihre Mutter noch etwas die Beine vertreten. Da Pat aber erschöpft und müde von der langen Fahrt war, ließ sie ihre Mutter allein gehen und legte sich schon schlafen. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Mutter abends allein raus ging und meistens erst spät in der Nacht Heim kehrte.

Als sie mitten in der Nacht erwachte, war ihre Mutter noch nicht zurück und jetzt machte sie sich doch langsam Sorgen. Was hatte sie geweckt? Es klang wie das Heulen eines oder zweier Wölfe, aber nein, sie hatte schon Wölfe gehört. Dieses Heulen war lauter, gewaltiger, sie konnte es nicht in Worte fassen, auch war ihr, als hörte sie das Fletschen von Zähnen und das Brechen von Unterholz. Es musste nah sein. Dann Stille. Nach einer gefühlten Ewigkeit, dabei waren erst zirka zehn Minuten vergangen, sagte ihr ein Blick auf die große Standuhr im Wohnzimmer, ging sie zur Tür. Im Vorbeigehen schaltete sie alle Lichter aus, so dass sie nicht gesehen werden konnte, wenn sie die Tür öffnete. Sie spähte in die Dunkelheit. Es war wie heute, schoss es ihr durch den Kopf, eine sternenklare Nacht mit Vollmond. Eine Gestalt lag am Weg zum Wald und versuchte vorwärts zu kriechen. Das lange blonde Haar hing blutverschmiert um den Kopf, oh Gott, es war ihre Mutter! Sie stürmte hinaus. Was sie sah, riss ihr fast die Beine weg. Ihr Gesicht und Hals waren zerbissen, der Arm halb zerfleischt und tiefe Wunden am Rücken. Der Geruch von frischem Blut konnte Tiere anlocken, schoss es ihr in den Kopf. Sie musste ihre Mutter ins Haus bringen. Mit aller Kraft hob sie Ihre Mutter auf den Arm und trug sie ins Haus. Dort angekommen, verschloss sie alle Türen und wählte den Notruf. Es würde eine Weile dauern, sagten sie ihr am Telefon, da die Hütte sehr abgelegen sei. Zurück bei ihrer Mutter versuchte sie die schlimmsten Wunden zu verbinden.

„Pat“, röchelte ihre Mutter, „du musst verschwinden, er darf dich nicht finden. Vergiss mich, du kennst mich nicht, untertauchen.“

Ihr Kopf sackte zur Seite. In Bruchteilen von Sekunden rauschten die Erinnerungen an die letzte Nacht mit ihrer Mutter vorbei.

Ein Geräusch von fletschenden Zähnen und Knurren holte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie drehte sich langsam um und sah in tennisballgroße, rotglühende Augen. Sie wagte kaum zu atmen, vor ihr saß, zum Sprung bereit, ein übergroßer, weißgrauer Wolf. Mit fletschenden Zähnen knurrte er sie an und in ihrem Kopf hörte sie ihn sagen: „Du warst bei Theresa vor sechs Jahren, bist du die Seherin, die die letzte Vergessene prophezeit hat? Wie hat Theresa dich gefunden? Aber egal, du bist hier überflüssig. Wenn ich nicht so schwer verletzt gewesen wäre, hätte ich es damals schon zu Ende gebracht. Jetzt kann dich keiner mehr retten.“

Ihr schwirrte der Kopf, wieso hörte sie den Wolf reden? Woher kannte er ihre Mutter Theresa und was hieß zu Ende gebracht?

Ihre Mutter, hatte er sie auf dem Gewissen? Er wusste, wie es schien auch nicht, dass sie Theresas Tochter war. Sie sollte eine Vergessene sein, was in aller Teufelsnamen war eine Vergessene? Mit aller Macht zwang sie sich in die Wirklichkeit zurück.

Der Monsterwolf war nicht zum Spaß hier, sie hatte kaum eine Chance. Kampflos wollte sie sich nicht abschlachten lassen. Sie hatte als einzige Waffe ein Stiletto in ihrem Stiefel. Schaffte sie es, es rauszuziehen, konnte sie ihm wenigstens ein paar Wunden zufügen. Sie war schnell und wendig, schneller als alle anderen mit denen sie bis heute zum Spaß gekämpft hatte. Ihre Mutter hatte sie im Nahkampf ausgebildet, sie meinte, es könnte nicht schaden. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Wolf zum Sprung ansetzte und Pat ließ sich gleichzeitig zur Seite kippen. Noch im Fallen zog sie ihr Stiletto aus der Scheide im Stiefel. Der Wolf verfehlte sie um Haaresbreite. Noch während sie versuchte wieder auf die Beine zu kommen, griff der Wolf erneut an. Sie warf sich auf die andere Seite, doch der Wolf hatte dies vorausgeahnt und erwischte sie mit ausgefahrenen Krallen am Rücken. Sie schrie vor Schmerzen auf und rammte das Stiletto blindlinks nach hinten. Ein Aufheulen sagte ihr, dass sie den Wolf getroffen hatte. Einen kurzen Moment ließ er locker.

Da hörte sie ein zweites Heulen, genau so hatte es auch in der Nacht geklungen, als ihre Mutter starb.

„Oh Gott, noch ein Wolf!“

Sie war verloren und schloss die Augen.

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